Geschichte Börgers

Börger 1150 Jahre jung
Dorfleben seit weit über 1000 Jahren

Von Rolfes, Geers und Ubbenjans

Von R. Rolfes, H. Geers und H. Ubbenjans


Aus der Frühgeschichte
Nordeuropäische Germannen, die vor der Zeitenwende sesshaft wurden, werden wohl an den Eschen des Hümmling, so auch in Börger gesiedelt haben. Ein genaues Alter unseres Dorfes lässt sich aber nicht ermitteln. Auch die erstmalige urkundliche Erwähnung „das Jahre 854“, die immer wieder auftaucht, und die auch der Pfarrer Dr. Diepenbrock und vor ihm viele andere Leute aus einer alten Aufzeichnung (Falkenhagen 15. Jahrhundert) übernehmen, lässt sich historisch nicht belegen und ist fraglich. Es fehlen die Urkunden gänzlich, es gibt nur wage Hinweise. Im Börger Esch findet man eine mächtige Mutterbodenschicht. Dieses so sagen Experten, kann nur durch eine 1000jährigen Ackerbau aufgebaut werden (Plaggenwirtschaft) und belegt, dass hier lange Menschen heimisch sind. Ob die Bewohner unseres Dorfes ihren Wohnort damals Börger, Buigiri, Burgeren oder Bürgern nannten, oder ob an mehreren Stellen einst Siedlungen waren, ist fraglich. Sicher ist nur, das weit vor Christi Geburt auf dem Hümmling und in der Börger Mark Menschen gelebt haben. Dieses belegen auch die Großsteingräber und die Hügelgrabfelder und Einzelgräber, die an einigen Stellen in der Börger Mark vorhanden waren, und teilweise noch existend sind. Auch südlich von Börger im Esch vor der Hemstäe, sollen einst Menschen gesiedelt haben, berichtet eine mündliche Überlieferung. Hier befand sich einmal ein großes Grabhügelfeld (übersetzt wohl „Heimstätte“ aus der Jungsteinzeit, Diese Grabhügel, die in der gesamten Börger Mark verstreut zu finden sind entstammen der so genannten Schnurbecherkultur (zuwandernden Gruppen aus dem Südosten, auch Streitaxtmenschen genannt).

Nach der Zeitenwende
Um Christi Geburt wohnten „Amsivarier“ (von den Römern so genannte Emsbewohner) im Emsland und auf dem Hümmling. Dieses kleine Volk wurde, so überliefern es Römische Geschichtsschreiber, aus Rache nach der Varusschlacht unterjocht, verschleppt und vertrieben oder versklavt. Kurze Zeit später (um 100 n. Chr.) lebte auch der Germanenstamm der Chauken (oder Chatten) im Emsland und auf dem Hümmling und nahmen hier die Herrschaft ein. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet im 2. Jahrhundert nach Christi über die Chauken, dass sie sich durch Güte und Familiensinn, aber auch durch Tapferkeit im Kampf gegen Feinde auszeichnen. Diese Gruppen scheinen weiter westlich gewandert zu sein, als Völker von Nordosten einwanderten. Um das Jahr 400 rückten die Sachsen aus Nordosten vor und die Friesen nahmen von Norden Einfluß auf den Hümmling. Die Friesen, aber auch die Sachsen suchten wegen Sturmfluten und schlechter werdendem Klima (vorrückende Fluten der Nordee und Kälte-/Trockenperioden) im Norden, höhere Siedlungsgebiete. In dieser Zeit war der Hümmling sehr dünn besiedelt. Der Hümmling war bis ins Mittelalter zwischen Sachsen und Friesen strittig. Die Sachsen wurden aber wohl Herren im Lande. Wir können wohl davon ausgehen, dass sowohl Sachsen, Amsivarier, Chauken aber auch die Friesen Spuren in den Genen der Hümmlinger und Börgeraner haben. – Das in der Zeit von 400 bis 750 so wenig über Norddeutschland überliefert ist hat vor allem drei Gründe. 1. Kriegerische Fehden machen Geschichte. Das friedliche Zusammenleben der Menschen bringt wenig Schlagzeilen auch, 2. die Sachsen keine Schriftsprache kannten, und 3. die dünne Besiedlung – und so nennt man diese Zeit im Sachsenland und besonders hier, auch wohl „die geschichtslose Zeit“, weil so wenig an Geschichtsdaten da sind.

Überlieferungen
Börger führt seinen Ursprung auf Kaiser Karl den Großen zurück, so wird es überliefert. Im Jahre 854 soll es Burgiri genannt sein und im Jahre 879 „Burgium“ heissen (altsächsisch), berichtet der Hobbyhistoriker Dr. Diepenbrock. Im Jahre 1160 in einer anderen Urkunde „Bürgeren“. Der emsländische Sprachforscher Abeln übersetzte Burgiri mit Birkenhöhe. Eine andere Überlieferung spricht von einer Ansiedlung von Friesen um das Jahr 783. „Diese Friesischen Siedler sollen als Grabwache bei ihrem gefallenen König Surboard (Surwold) geblieben sein, als dieser schwer verwundet nach der Schlacht zwischen Franken und den Nordvölkern Sachsen/Friesen, an der Hase bei Haselünne-Dörgen und Schleper, hier in unserer Mark, an der Grenze zu seinem Friesenreich, beigesetzt wurde. Diese Ehrenwachen sollen mit Freibrief von Karl dem Großen „als freie Bürger (Börger) des Sachsenlandes ansässig geworden sein“ und die 16 alten Erbhofbesitzer sein, so sagt man. Eine dritte Überlieferung über den Ursprung des Dorfes berichtet von einem Wehrdorf mit 16 Hütten (Häusern) die, von den Sachsenfürsten des Mittelalters“, zum Schutz des Sachsenlandes an der Grenze zu Ostfriesland angelegt wurde.

Weltliche und kirchliche Obrigkeit
Die Germanen verehrten ihre nordischen Gottheiten mit Gottvater Wodan, Sohn Thor, sowie seiner Gemahlin Freija und Weiteren. Nach diesen Gottheiten sind die Wochentage benannt und es hält sich die Überlieferung, dass bei den großen Steinen in Börger einst eine alte Thingstätte war und man auf dem Opferstein, Gaben darbrachte und an diesem Platz Zeremonien abhielt, bis der Christliche Glaube Fuß fasste. Die Missionierung Norddeutschlands erfolgte durch christlichen Missionare, die ab 750 n. Chr. aus Irland und Angelsachsen kamen. Der Missionar Bonifatius gilt als Verbreiter des Glaubens in Norddeutschland. Die Missionare verbreiteten den Christlichen Glauben bei den Friesen und Sachsen. Zuerst aber mit nur mäßigem Erfolg. Die Franken festigten das Christentum als Staatsreligion, und so wurde Norddeutschand und das Emsland christlich. Um 800 entstanden die ersten Kirchen. Börger und der Hümmling wurden im Mittelalter kirchlich aber auch weltlich vom Kloster Corvey (in der Nähe von Höxter an der Weser) verwaltet. Ob der Hümmling durch die Missionszellen Meppen oder Visbeck missioniert wird, ist nicht genau aufgezeichnet. Einige Historiker sprechen für den Nordhümmling eher vom Visbecker Einfluß bei der Missionierung. Später wird der Hümmling mit der Urkirche in Sögel, Meppen zugeordnet. Mit der Ausführung der weltlichen Macht (Gerichtsbarkeit und Steuerwesen) wurden Grafen eingesetzt (belehnt). Für die Grafschaft Meppen und den Hümmling waren es die Grafen von Ravensberg und die Grafen von Tecklenburg. Nach langen erbitterten Streitigkeiten zwischen beiden Häusern verkaufte die Erbin Jutta von Ravensberg als Witwe im Jahre 1252 den verwaiste Grafenstuhl des Emslandes, und die weltliche Macht ging an den Bischof von Münster über. Bis in das 19. Jahrhundert hinein (1803) besaß der Bischof von Münster die „weltliche Macht“, und der Bischof von Osnabrück „die kirchliche Macht“. Der Börger Zehnte (die Steuer) ging zuerst an die Herren von Langen zu Brae, dann an die Erbnachfolger von Brae in Tunxdorf (Wynrich von Brae *1300 wurde 1359 vom Bischof von Osnabrück mit den Zehnten von Börger belehnt). Später dann an seine Erben und durch weitere Vererbung der Rechte, an die Herren von Dinklage zu Campe (zur Hälfte) und das Haus Heede mit wechselnden Erbnachfolgern, zu den Grafen von Galen (zur anderen Hälfte).

Freie Bauern auf dem Hümmling
Der Hümmling war im Mittelalter im Gegensatz zu anderen Gebieten an den Flüssen, sehr dünn besiedelt und massiv bewaldet. Man hielt an kleinen Stellen, wo Lehmböden und Wasser vorhanden war Vieh und betrieb Ackerbau. Das Vieh hielt man in Hudewirtschaft (einer Art Waldnutzung durch Haustiere). Später entwickelte sich vom neunten Jahrhundert an, durch Zurückdrängen des Waldes die Heidewirtschaft mit der Schafhaltung. Und je weiter der Wald wich, und Heidelandschaft entstand, je größer wurden die Heidschnuckenherden. Diese waren für die wachsende Bevölkerung des Hümmling notwendig, weil Ackerland auf den Sand- und Moorböden nicht auszudehnen war. Freiheitsliebend waren hier die Bauern. Während in anderen Gegenden viele Höfe „eigenbehörig“ (in Besitz eines Landesherrn) wurden, sind auf dem Hümmling nur einige wenige Höfe im Eigentum eines Adeligen gewesen (waren wohl wenig ertragreich für die Besteuerung). Ein anderer Grund scheint die Freiheitsliebe der Bewohner zu sein. Wiederholte Aufstände der hiesigen Landsassen gegen auferlegte Lasten und Steuern, aber auch als Protest gegen den nicht vorhandenen Schutz gegen Plünderungen und Brandschatzungen aus benachbarten Regionen (Holländer, Friesen, Stedinger, Tecklenburger) brachten die Freien Hümmlinger gegen die Herrschaft auf. Sie liebäugelten mit den Freiheiten der Ostfriesen (Schieringer-Lobby). 1266 wollten Sie sich unter den Schutz der Friesländer begeben um eigene Herren zu sein. Dieses gelang jedoch nicht. Weitere Aufstände der Bauern gab es 1340 und 1449. Die Freibauernurkunde aus dem Jahre 1394 gibt ein wenig Aufschluss über die Probleme der Zeit. In dieser Urkunde unterstellen sich die Hümmlinger Bauern dem Schutz des Bischofs von Münster, als dieser die von den Tecklenburger beanspruchte Cloppenburg erobert und an Macht gewinnt. Er solle den Hümmling gegen Übergriffe von fremden Adeligen und Banden schützen. In dieser Bekundung sind die Börger Bauern Oldeth, Abeln und Kosse erwähnt. In Börger sind einst 16 (19) Urhöfe vorhanden gewesen, aus denen sich die heutige Dorfgemeinschaft entwickelte. Die erste Siedlungseinheit wird in Börger wohl die Hofgruppe gewesen sein, die sich um einen Dorfmittelpunkt (Dorfbusk) formierte. Später entwickelte sich das „Haufendorf“. In einer Überlieferung wird von zwei Hufen (Nachbarschaften) in Börger gesprochen. Über die Jahrhunderte ist diese Zweisamkeit (Dualität) von Börger immer wieder zu finden (zwei Eschteile, zwei Mühlen, zwei Neusiedlungen in 1788, usw.)

Fehden, Kriege, Überfälle, die Pest
Durch die Jahrhunderte gab es zu allen Zeiten menschliches Elend durch Pest, Fehden unter den Adelsfamilien, Gruppen und Stämmen sowie Überfälle, Plünderungen und Kriege brachten Leid in das Dorf. Die ersten Berichte, die wir finden können, sprechen von Rache und Vernichtung gegen die Germanen und die Versklavung der Emsbewohner durch Römische Legionen, nach der Schlacht zwischen Römer und Germanen im Jahre 9 n. Chr. am Teuteburger Wald. Zu dieser Zeit begannen die großen Völkerwanderungen in Europa. Auch das Einwandern der Chauken und später der Sachsen in unsere Heimat ist mit Sicherheit nicht ohne Krieg, Elend und Unterdrückung abgegangen. In den folgenden Jahrhunderten gab es Einfälle von Normannen und der Wikinger. Aus dem Mittelalter wird von Überfällen und Raubzügen heimischer verarmter Bevölkerung und niederer Adel auf Handelswege und über den Hümmling berichtet. Ferner gab es Einfälle Friesischer Söldner und später der Holländer sowie der Tecklenburger von der besetzten Cloppenburg aus. Der Graf der Emslandes Otto von Ravensberg besiegte um das Jahr 1230 in mehreren Schlachten die Raubheere der Friesen. Einer der Schlachten soll in Börger, bei den großen Steinen stattgefunden haben und ist als „Hahnenkampf“ in die Geschichte eingegangen. Die Friesen unterlagen hier den zahlenmäßig unterlegenen emsländischen Mannen. Man nannte die Friesen spöttisch „Hähne“, weil sie lange Federn an den Helmen und Hauben trugen. In einem Bauernhaus in Börger hat es einst ein Bleiglasfenster gegeben, das eine Frau darstellt, die ihrem Manne, der sich zum Kampf auf ein Pferd schwingt einen Krug Bier reicht und ihn rät, nicht als Besiegter zurückzukommen. Unsägliches Leid brachte der 30jährige Krieg über die Bevölkerung. Umherziehende Soldateska und Söldnerhorden verwüsteten wiederholt die Orte und die Ernten. Die Bevölkerung wurde geknebelt, vergewaltigt verschleppt und erschlagen. Besonders im Mai 1647 als Wahn, Lorup, und sechs Orte entlang der Ems verbrannten. Die Bewohner von Börger flohen vor den plündernden Soldaten in Moorverstecke. Von der Verschleppung des Börger Dorfschulten Albert Dillen wird berichtet und das man ihn mit dem Versprechen, das Dorf nicht zu brandschatzen gegen Lösegeld laufen ließen. Die Pest wütete dabei unter der Bevölkerung aber auch unter den Soldaten. Durch Pest, Krieg und Viehseuchen verlor unsere Region massiv an Bevölkerung. Weitere Kriege folgten und Teile der Bevölkerung wurden heimatlos. Vagabundentum, Scherenschleifer und Zigeuner erhielten Zulauf und standen in schlechtem Ruf. Als besonders schweres Jahr kann man das Pestjahr 1666 ansehen. Hier starben auf dem Hümmling viele Menschen. Die Pest wütete seit dem 14. Jahrhundert in immer wiederkehrenden Intervallen auf dem Hümmling und auch in unserem Heimatdorf.

Die Kirchen
Über eine Kirche oder Kapelle wird zum ersten Mal im Jahre 1523 berichtet, dass in Börger die Kapelle ausgebessert wird. Also scheint es vor dem Jahre 1500 schon ein Kirchen- oder Kapellengebäude in Börger gegeben zu haben. Bernhard Holtmann spricht vom Jahr 1490. Diese Kirche ist schon dem Heiligen Joist (Jodokus) geweiht gewesen. Eigene Pfarrrechte erhielt man erst im Jahre 1573. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörte das Dorf Börger zur großen Hümmlingpfarrei Sögel. Der Reformator Bonnus führte 1543 die Reformation auf dem Hümmling ein. Nach und nach folgten die Hümmlinger dieser Bewegung und in Börger lehrte zu dieser Zeit ein evangelischer Prediger, ein ehemaliger Bauer und Soldat. Das Pfarramt hatte jedoch der katholische Pfarrer in Personalunion für Börger und Sögel inne. Um 1600 war der gesamte Hümmling evangelisch. 1614 waren wieder einige Bewohner katholisch. 1633 fielen die Schweden ein und setzten den Katholiken mächtig zu. Das kirchliche Leben lag am Boden und die Gebäude waren Ruinen. Im Jahre 1659 wurde notiert, das Börger wieder ganz katholisch sei. Bis zum Jahre 1652 hatte Börger keinen eigenen Pfarrer, da die Gemeinde ihn nicht ernähren konnte. Der erste residierende Pfarrer ist Matthäus Bödeker. Er wirkte von 1652 bis ungefähr 1658. Die alte Eschkirche, in Börger auf dem Friedhof wurde mehrfach erweitert. 1804 erfolge ein großer Anbau, da die Bevölkerungszahl stieg. Im Jahre 1890 wurde die Kirche abgebrochen, da im Jahre 1858 in der Ortsmitte, im Brink die neue prächtige St. Jodokus Kirche eingeweiht wurde.

Erbberechtigte und Neubauern, Hollandgängerei
Die Gemarkung Börger hatte bis zur Absplitterung von Tochtergemeinden Neubörger und Breddenberg eine Größe von über 13.000 Hektar (die größte Landgemeinde im Königreich Hannover). Es waren große Sandböden- und Moorgebiete die bis auf dem Esch nur extensiv genutzt werden konnten. Nur kleine Parzellen waren ohne Kunstdünger als Acker in Gebrauch. Weidekämpe in Orts- und Hofnähe und der Anbau von Getreide auf dem Esch und auf guten Böden ernährten die Bevölkerung mehr schlecht als Recht. Man betrieb Bienenzucht und Milchviehwirtschaft und baute in den Moorgebieten den Buchweizen zur Eigenernährung an. Genutzt wurde die Feldmark in alter Zeit von den 18 Erben, das heißt den steuerpflichtigen achtzehn Höfen des Dorfes und den dazugehörigen Kötterbauern und Heuerhöfen durch die Viehhaltung. Dabei nahm die Schafhaltung einen besonders hohen Stellenwert ein. Bis zum 16. Jahrhundert besaßen nur die Besitzer der Erbhöfe neben der Steuerpflicht, das Recht zur Wirtschaft in der Mark. Ab dem 16. Jahrhundert wurden weitere Rechte zugestanden, zuerst an die Kötter (vor allem Handwerker wie Schmied, Stellmacher, Tischler, Holzschuhmacher, Schneider, Weber) und dann im 18. Jahrhundert auch an die kleinen Bauern, den so genannten Brinksittern (zu Wohlstand gekommenen Heuerleuten). Die Bevölkerung war arm. Es gab oft Jahre, in denen gehungert wurde. Die Jahre 1840 bis 1880 gelten auch als besonders schwierige Zeit. Vor allem die rechtlosen Heuerleute traf der Hunger am schwersten. Sie standen an der untersten Sprosse des Wohlstandes und trugen eine Hauptlast. Der Boden brachte mit viel Arbeit nur spärlichen Ertrag und viele Heuerleute aber auch Söhne von Kleinbauern und auch Köttersöhne verdienten sich durch die so genannte Hollandgängerei etwas dazu. Sie wanderten im Frühling nach der Einsaat des Kornes nach Holland und arbeiteten dort solange, bis die Kornernte zu Hause anstand als Mäher und Torfstecher. Unsagbar schwere Arbeit war dieser Dienst in Holland. Viele Familienväter arbeiteten sich dort sprichwörtlich zu Tode. Der Begriff „totarbeiten“ entstand in dieser Zeit. Auch für die Familie zu Hause war die Abwesenheit des Ernährers über Monate, wegen der Hof- und Feldarbeit auf der eigenen Scholle, beschwerlich. Doch auch das Zubrot der Hollandgängerei reichte in vielen Fällen nicht für ein anständiges Leben zu Hause. Einigen Familien jedoch, dessen Ernährer in Holland gesund blieb und die zu Hause die Arbeit erledigen konnten, war der wirtschaftliche Aufstieg dadurch vergönnt.

Auswanderung
Die Auswanderung beginnt nicht mit der Übersiedlung ab 1850 in die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Einige junge Männer und Frauen früherer Generationen wollten für sich ein besseres Leben und sind Veröffentlichungen gefolgt, die ein gutes Leben im Rußland und der Ukraine, im Land der Zarin Katharina der Großen versprach. Und auch schon im späten Mittelalter warb das Niederstift Münster mit einer Ansiedlung und Land in den Siedlungsgebieten im Osten Deutschlands. Die Hauptauswanderungswelle aber war die Wanderbewegung, die wohl mit der Hollandgängerei begann. Ein großer Teil der jungen Börger Generation verdingte sich in den Sommermonaten als „Hannekenmaijer oder Kluttenstaeker“ in Holland, um den kargen Lohn der Familie auf dem Hümmling aufzubessern. Einige blieben dann gleich in Holland und siedelten sich in Holland an. Weitere gingen über die großen holländischen Häfen in das Traumland der damaligen Jugend, nach Amerika. Eine große Auswanderungswelle folgte dann ab 1855 über die Häfen Bremen und Bremerhaven. Durch Briefe der ersten Auswanderer und Zeitungsberichte erfuhr man von guten Einkommen und einem besseren Leben in dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Bis 1880 sind dann viele junge Leute (namentlich sind 185 Personen bekannt) aus dem Kirchspiel Börger in einer Art „Kettenauswanderung“ in die neuen Siedlungsgebiete der USA, bei Cincinnati am Ohio und Miami-River oder westlich und nördlich von Sankt Louis in Illinois/Missouri, ausgewandert.

Neue Orte in der Börger Mark
Im Jahre 1788 wurden im Nordosten und Nordwesten der Gemarkung Börger, ca. 7 Kilometer vom Dorf entfernt per Dekret des Fürstbistums Münster zwei Tochtersiedlungen (Breddenberg und Neubörger) eingerichtet. Die Siedlungspolitik des Niederstiftes nach Holländischem Vorbild war für das „Standesherrliche Amt Münster“ eine luktrative Einnahmequelle und Ordnungspolitik. Vorausgegangen waren Dispute zwischen den Erbhofbesitzern und sich ohne Genehmigung ansiedelnde „Kleine Leuten“ die einen Ort zum Leben suchten. Es waren vor allem abgehende Kinder der Kleinbauern, die oft als Hollandgänger im Sommer in die Fremde gingen, und in der großen Feldmark Lebensraum suchten (von Abbrennen der Hütten und Verteiben durch die Börger Feldhüter ist die Rede). An den nördlichen Grenzen machten sie sich zuerst ohne Genehmigung, später mit Konzession, sesshaft. Die dann rechtlichen Neubauern in den Tochtersiedlungen Breddenberg und Neubörger leisteten nach 10 freien Jahren, dann ab 1798 hohe Abgabenlasten an den Landesherren, dem Bischof von Münster und später dem Herzog von Arenberg, aber auch an die Börger Erben. Viele konnten nach 10 Jahren Arbeit die Lasten nicht tragen. In der Folgezeit verkauften viele Neubauern Teile der Plaatzen. Von den 16 ausgewiesenen Hofgrundstücken in Neubörger ist keine einzige in der vollen Größe erhalten geblieben. Ähnlich ist es in Breddenberg gewesen. Andere Siedler verkauften und verließen die Hofstellen ganz. Um 1830 entstanden die Börger Eschrandsiedlungen „Nordkamp“ und „Dosfeld“. Aber auch der Ort Börger verlor an Bevölkerung. Amerika war Mitte des 19. Jahrhunderts der Traum vieler junger Menschen. Mit Ende der Markenteilung in Börger im Jahre 1887 und der Zuteilung von Landbesitz auch an Kleinbauern und dem Aufkommen von Kunstdünger verbesserten sich die Lebensverhältnisse. Nach einem fast 40jährigen Prozess wurde entschieden, dass die Mark nicht nur den Börger Erben, Halb- und Drittelerben sowie Köttern zur Nutzung zustand, sondern auch Brinksitzer die 10 Jahre hier wohnhaft sind und hier wirtschafteten. Jetzt setzte eine Verbesserung der Lebensverhältnisse ein. Eine weitere Fluktuation des Ortes begann. Nach holländischem Vorbild wurde im Norden der Gemarkung Börger die Torfwirtschaft und die Fehnkultur weiter entwickelt. Hier entstand in 10 Kilometer Entfernung vom Ort im Buntstaesmoor, eine neue Ansiedlung „Börgermoor“. Hier baute man den Splittingkanal, der von der Ems hinter Papenburg kommend bis nach Börgerwald verlängert wurde. Hier gab es Arbeit und Brot in der Torfwirtschaft. In den gleichen Jahren (1879) siedelten Bauern auf dem Wohld, auf dem Heideland vor dem Börger Moore mit den Rechten auf Zuteilung von Land, das sie aus der Markenteilung erhalten hatten. Diese Ortschaft wird „Börgerwald“ genannt. Börger erfuhr in diesen Jahren eine Zuwanderung da viele Hausstellen frei wurden. Es war die Blützeit des Handwerks in Börger und seinen Siedlungen. Von 1930 bis 1940 wurden in Börgermoor neue Siedlungen angelegt. Börgerwald und Börgermoor bilden heute zusammen die Gemeinde Surwold mit ca. 4800 Einwohnern. Börger hat im Jahre 2000 ungefähr 2800 Einwohner, Neubörger ca. 1500 und Breddenberg ca. 900 Einwohner. Somit leben in der Jahrtausendwende ca. 10.000 Einwohner in der ehemaligen Mark, oder im alten Kirchspiel Börger.

Hermann Ubbenjans
Aug. 2004 / Jan. 2017

Wappen der Gemeinde Börger

Wappen BörgerVon Rot über Gold geteilt, darin oben in verwechselten Farben ein Bienenkorb zwischen zwei Birkenblättern, unten ein Mühlstein mit silbernem Mühleisen. Der 854 erstmals überlieferte Ortsname bedeutet nach H. Abels, – Die Ortsnamen des Emslandes, Paderborn 1927, S. 17 f. – „Birkenhöhe“. Der erste Teil des Ortsnamens wird durch die Birkenblätter anschaulich gemacht. Der Bienenkorb bezieht sich auf die im Heide- und Waldgebiet des Hümmlings weit verbreitete Bienenzucht. Der Mühlstein erinnert daran, dass Börger früher zwei Windmühlen und eine Wassermühle besaß, was mit dem intensiven Roggen- und Buchweizenanbau zusammenhing. Die rot-goldene Schildteilung entspricht dem Wappen der Reichsabtei Corvey, zu deren umfangreichem emsländischen Besitz Börger bis zum 13. Jahrhundert gehörte. Die Farben Rot und Gold sind zugleich die des Fürstbistums Münster, das als Nachfolger Corveys bis zum Ende des alten Reiches 1803 die Landesherrschaft innehatte.

Entwurf und Ausführung: Dr. Ulf-Dietrich Korn, Münster, 1988